Уважаеми колеги, публикувам анотация за избираем семинар, който ще се води от изтъкнатия германист проф. Ханс-Герд Винтер от университета в гр. Хамбург. Семинарът ще се провежда в рамките на една седмица /15 часа/и за него ще получите 1 кредит. Тази форма на занятия по литература е особено подходяща за студентите от 3 и 4 курс и за бъдещите магистри. По изключение в нея могат да вземат участие и студенти от 4 курс, на които липсва семинар по литература пета част като вход за семестриалния изпит по литература.
Светлана Арнаудова
Анотация на семинара:
Prof. Hans-Gerd Winter (Universität Hamburg)
Krieg und Nachkrieg in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Von Wolfgang Borchert bis Michael Kleeberg
15stündiges Blockseminar
Sitzungen am 17., 18., 19., 21., 24.10. 2011; am 20.10. Besuch der Eröffnung der Borchert-Ausstellung
Kriege sind immer schon ein Thema der Literatur gewesen. Man denke an die „Ilias“. Auch im besonders von den Weltkriegen und anderen Kriegen geprägten 20. Jahrhundert gibt es eine umfangreiche diesbezügliche Literatur. Diese ist Produkt der Nach- oder Zwischenkriegszeit. Es geht um autobiographische und/oder fiktionale Rekonstruktion der Kämpfe, basierend auf den Erfahrungs- und Darstellungsmöglichkeiten des Autorsubjekts. Die Frage ist freilich, ob ein so hoch technisierter Krieg wie zum Beispiel der zweite Weltkrieg sich nicht den Erfahrungs- und Gestaltungsmöglichkeiten des einzelnen Subjekts entzieht. Nach Theodor W. Adorno haftet den Rekonstruktionen von Kriegserfahrungen im 20. Jahrhundert immer „etwas Ohnmächtiges und Unechtes“ an. „So wenig der Krieg Kontinuität, Geschichte, das epische Element enthält, sondern gewissermaßen in jeder Phase von vorn anfängt, so wenig wird er ein stetiges und unbewußt aufbewahrtes Erinnerungsbild hinterlassen. Überall, mit jeder Explosion, hat er den Reizschutz durchbrochen, unter dem Erfahrung, die Dauer zwischen heilsamem Vergessen und heilsamem Erinnern sich bildet.“ Trotzdem gibt es nach 1945 vor allem in der Phase der Trümmer- und Kahlschlagliteratur zahlreiche Kriegstexte.
Für Wolfgang Borchert (1921-1947) ist der Krieg eine zentrale Erfahrung, die er in seinen Kurzgeschichten, die er 1946 und 1947 schreibt, in Fiktionen überführt. Dabei verzichtet er auf jede Darstellung von den Einzelnen übergreifenden Kriegshandlungen, Strategien und ideologischen Motivationen, die über die Perspektive des Einzelnen hinausgehen. Der Blick wird strikt auf den ganz unten Stehenden gerichtet, der dem Grauen des Mordens und Tötens existenziell ausgeliefert ist. Er ist Opfer, aber zugleich auch Täter. Dabei reduziert Borchert die Komplexität von Erfahrung und Nicht-Erfahrbarkeit des Krieges auf existenzielle, oft kindliche Grundmuster. Der Autor Peter Rühmkorf spricht diesbezüglich von „kunstvollen Renaivisierungsverfahren“. Durch den verfremdenden Blick des Kindes wird versucht, etwas von der jede Vorstellungskraft sprengenden Gewalt des Krieges einzufangen und zugleich den Leser zur Anteilnahme zu motivieren.
Wolfgang Borchert war im zweiten Weltkrieg an der Front. Seit 1945 haben wir bis heute in Deutschland (und Bulgarien) Friedet, obwohl es in der Welt ständig Kriege gab und gibt und auch deutsche (und bulgarische) Soldaten an ihnen teilnehmen. Nicht nur hat sich die Kriegführung durch die fortschreitende Technisierung massiv verändert. Die Flut der Bilder, die nicht beteiligte Subjekte über die Medien erreicht, ist meist hoch selektiert und oft verfälscht durch ideologische, wirtschaftliche und/oder politische Zielsetzungen. Hinzu kommt, dass das Thema „Krieg“ im Unterhaltungsprogramm und im Bildgefecht von Nachrichten in Konkurrenz zu anderen Themen steht. Wie kann die „Wahrheit“ über Kriege formuliert werden angesichts der massiven medialen Formierung, hinter der die teils banale, teils extrem grausame Realität von Kriegen verschwindet?
Elfriede Jelinek und Michael Kleeberg gehen diesbezüglich verschiedene Wege. Die erstere greift in dem postdramatischen Theatertext „Bambiland“ (2004) die mediale Manipulation von Kriegsbegründung und –verlauf auf. Spätestens im dritten Golfkrieg 2003 ist der Fernseher der Ort, an dem der Krieg als Ereignis inszeniert wird und so keines mehr ist. Dass wir auf der Suche nach der „Wahrheit“ uns im Geflecht virtueller Bilder verirren, wird durch ein imaginäres Wir dargestellt, das manchmal auch zum „Ich“ wird und mal die Perspektive der Iraker, mal der Amerikaner, mal von Außenstehenden einnimmt. Es umkreist Bilder und ideologische Setzungen und konfrontiert sie mit verfremdenden Perspektiven und Assoziationen. Unter dem unaufhörlichen Strom der in sich widersprüchlichen Rede wird auch der Abgrund sichtbar, in dem sich die wirklichen Opfer befinden. Thematisiert Jelinek das Reden von und über den Krieg, konfrontiert Michael Kleeberg im Roman „Das amerikanische Hospital“ (2010) einen amerikanischen Offizier, der unter der posttraumatischen Belastung durch die grauenvollen Erfahrungen im dritten Golfkrieg leidet, mit einer Frau, die mehrfach durch künstliche Befruchtung versucht, ein Kind zu bekommen. Beide Hauptfiguren machen Erfahrungen, in denen massiv durch Technik in Leben und Natur eingegriffen wird. Die Kriegserfahrungen erscheinen im Roman nicht direkt, sondern als aus der Erinnerung aufsteigende traumatische Bilder und Geschichten. Beide Menschen werden im amerikanischen Hospital in Paris behandelt. Den Werken von Jelinek und Kleeberg ist gemeinsam, dass sie die Darstellung unmittelbarer Kriegserfahrungen vermeiden. Kleeberg gelingt es, im Gegensatz zu Jelinek wieder den Einzelnen in den Vordergrund zu stellen. Deutlich wird bei Kleeberg wie bei Borchert, was der Krieg im aus einem beteiligten Individuum macht.
Ziel des Seminars ist, einen Bogen zu schlagen von Borcherts Kriegs- und Heimkehrergeschichten, die immer noch ansprechen und heute als „klassisch“ gelten, zu ganz aktuellen Kriegstexten, die deutlich von der Distanz zu den Ereignissen geprägt sind. Es wird im Diskurs des Seminars darum gehen, die sehr verschiedenen Strategen der fiktionalen bzw. fiktiven Vergegenwärtigung aufzuarbeiten. Alle drei Autoren unternehmen literarische Grenzgänge. Das Schreiben kommt an eine Grenze. Dennoch wird geschrieben. Kurze Auszüge aus Theodor W. Adorno „ Minima Moralia“ (1951) bzw. aus Paul Virilio „Krieg und Fernsehen“ dienen dazu, die Grenzen der Erfahrung von Kriegen zu konkretisieren. Alle Texte sind in einem Readerenthalten, de ab ende September in der Deutschen Bibliothek für die Teilnehmer erhältlich ist. Anlass des Seminars ist die Ausstallung über Werk und Leben des Autors Wolfgang Borchert, die aus Anlass seines 90.Geburtsjahres im Goetheinstitut in Sofia stattfindet. Die Teilnahme an der Eröffnung am 20.10. gehört zum Seminarprogramm.
Literatur:
Wolfgang Borchert: Kurzgeschichten („An diesem Dienstag“, „Die Kegelbahn“, „Bleib doch Giraffe“, „Die lange lange Straße lang“)
Elfriede Jelinek: Bambiland (2004) [Auszüge]
Michael Kleeberg „Das amerikanische Hospital (2010) [Auszüge]
Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt 1981, S. 62-65.
Paul Virilio: Krieg und Fernsehen (1993) [Auszug]